Vor drei Jahren ist Faith vor lauter Arbeit am Steuer eingeschlafen. Ein Warnschuss – sie kam ohne Schäden davon. Danach wollte sie ihr Leben ändern. Seitdem reist sie um die Welt und hat immer nur ihre Ausrüstung und die Slackline im Gepäck. Ihre Leidenschaft hat der Amerikanerin Faith Dickey den Frauenweltrekord eingebracht. 

Faith will ihr Leben genießen - und dafür wagt sie etwas. (© Dickey)
Faith will ihr Leben genießen – und dafür wagt sie etwas. (© Dickey)

Caro Lobig: Was war dein tollstes Erlebnis in der letzten Zeit?

Faith Dickey: Ich habe vor ein paar Wochen meinen persönlichen Rekord gebrochen. In vierzig Metern Höhe habe ich es geschafft, die Slackline 96,5 Meter entlang zu gehen. Das nennt man Highlining. Ich halte ja bereits den offiziellen Frauen-Weltrekord, aber jetzt konnte ich noch weiter gehen. Es gibt nur sieben andere Menschen auf der Welt, die bisher über eine so lange Slackline in der Höhe gelaufen sind. Ich habe das in der tschechischen Republik, in Ostrov, geschafft. Es hat ungefähr zehn Minuten gedauert und ich musste mich sehr konzentrieren. Aber als ich auf der anderen Seite ankam, habe ich vor Glück geschrien.

Caro Lobig: Wie viele Versuche hast du gebraucht, bist du auf der anderen Seite der Highline ankamst?

Faith hält auch den Frauenweltrekord im "free solo" - ganz ohne Absicherung. (© Dickey)
Faith hält auch den Frauenweltrekord im “free solo” – ganz ohne Absicherung. (© Dickey)

Dickey: Es waren sieben Anläufe. Einmal war ich ein paar Meter vor dem Ziel, dann bin ich runter gefallen. Natürlich bin ich mit einem Seil an der Slackline festgemacht und habe gelernt, mich bei einem Sturz sofort zu fangen. Aber nach so vielen Anläufen war ich auch schon sehr müde und meine Muskeln haben irgendwann nachgelassen. Es war ein großer Kampf.

Caro Lobig: Nachdem du vor ein paar Jahren einen Autounfall hattest, wolltest du dein Leben ändern. Jetzt kämpfst du auf der Slackline fast täglich um dein Leben – warum?

Dickey: Das Slacklining war nach dem Unfall einfach da, vor meiner Nase. Ich habe es mir nicht ausgesucht. Ich war in meinem Lieblingspark und habe gesehen, dass das ein paar Menschen machen. Die ersten Male bin ich ständig gefallen. Ich dachte, ich könnte das niemals schaffen. Aber ich hatte zu diesem Zeitpunkt nichts anderes zu tun, also habe ich es versucht.

Caro Lobig: Und dann? 

Die Amerikanerin will auf ihrer Slackline die ganze Welt entdecken. (© Dickey)
Die Amerikanerin will auf ihrer Slackline die ganze Welt entdecken. (© Dickey)

Dickey: Es hat süchtig gemacht. Wenn du das einmal anfängst, willst du immer weiter und weiter machen. Je mehr Schritte du schaffst, desto mehr wird dein Ehrgeiz geweckt. Ich dachte nie, dass ich das so extrem praktizieren könnte. Das hat sich einfach dadurch ergeben, dass ich in Europa ein paar Menschen getroffen habe, die auf der Highline trainieren. Also habe ich das auch probiert.

Caro Lobig: Was bedeutet dir das Slacklining?

Dickey: Meine Hauptdisziplin ist ja das Highlining. Im normalen Leben kann man solche extremen Herausforderungen nie angehen. Ich pusche mich selbst, wenn ich in vierzig Metern Höhe meine Slackline über eine Schlucht spanne.

Caro Lobig: Lebst du deinen Traum?

Dickey: Ich lebe definitiv meinen Traum. Reisen und Slacklining, ich genieße das. Mein Leben hat sich sehr verändert seit ich dieses Hobby mache. Aus einer Sportart wurde für mich eine große Leidenschaft.

Caro Lobig: Gab es auch mal sehr gefährliche Situationen, in denen du bereut hast, das zu machen?

Dickey: Nicht das Slacklining selbst ist das gefährliche an dem Sport, es ist die Umwelt. Das Wetter kann sich jederzeit ändern und in den Bergen ist es immer gefährlich. Bereut habe ich das trotzdem nie. Obwohl ich ja auch die Disziplin „free solo“ mache, also ganz ohne Sicherheitsgurt auf die Slackline gehe. Das ist nämlich hochgefährlich. Wenn du fällst, dann stirbst du.

Caro Lobig: Und das macht dir keine Angst? 

Sogar mit Cowboystiefeln wagt sie einen Versuch. (© Dickey)
Sogar mit Cowboystiefeln wagt sie einen Versuch. (© Dickey)

Dickey: Man muss sich sehr gut kontrollieren können. Ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass ich eine trainierte Athletin bin und weiß, was ich da mache. Das verlangt genug Selbstvertrauen.

Caro Lobig: Also musst du ja ein großes Selbstvertrauen haben. Hat dich Slacklining ansonsten verändert?

Dickey: Ja, ich denke, dieser Sport kann Menschen selbstbewusster machen, weil du dich selbst herausforderst und an deine Grenzen gehst. Das Gefühl auf der Slackline ist unbeschreiblich, einfach unglaublich. Ich bin durch diese Disziplin im Alltag geduldiger geworden. Kleine Dinge, die mich früher aufgeregt haben, sind heute nicht mehr wichtig. Ich konzentriere mich besser auf die wichtigen Sachen, ich reagiere anders.